Augenblicke und Geschichten

»Der Mitspieler gehört zum Spiel«, sagt Hans-Georg Gadamer, und er spricht vom Kunstwerk, das je ein eigenes Spiel in Gang setzt. Von jedem Werk gehe eine Forderung aus. Sie verlange eine Antwort, die nur von dem gegeben werden könne, der die Forderung angenommen habe. »Und diese Antwort muss seine eigene Antwort sein, die er selber tätig erbringt.« Wenn Gadamers Aussage gültig ist, dann ist sie es besonders angesichts der Arbeiten unserer Ausstellung »Wunderbare kleine Welten«.
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Die »rückzugsmöglichkeiten« von Silke Bartsch scheinen in ihrer ins Auge springenden Farbpracht alles andere zu vergegenwärtigen als stille Orte der Abgeschiedenheit. Die Farbe hat sich ihrer bemächtigt, verbrüdert sich mit der Zeichnung, und beide legen sich über das Sujet, überwuchern es selbstherrlich. Die Formen werden mehrdeutig, der Raum wird imaginär und fordert das Mitgehen des Mitspielers. Die  »Käfige« offenbaren sich als Käfige vielleicht erst durch die Bildtitel; und erst beim zweiten Hinschauen erscheinen sie klein und beengt. Zum Schwingen und Toben ist da kaum Platz. So bleiben sie im übrigen auch leer; Bewohner gibt es nicht. Die Seile aber und die Schaukelbalken haben sich formal verselbständigt. Sie hängen prächtig und expressiv aus dem Nirgendwo in den Raum hinein und gliedern ihn rhythmisch. Das gleichsam szenische Arrangement erinnert mich an Samuel Becketts klaustrophobe »Spiele ohne Worte«, in deren engen Räumen kein Spieler mehr auftritt, sondern nur hereinhängende Gerätschaften ein rätselhaft wohlgeordnetes Ritual vollziehen, das niemanden mehr erreicht. Bei Beckett bleibt die Szene grau und fahl. Hier aber bei Silke Bartsch wird die Tristesse von optimistischen Farben gleichsam übertönt. »Uns geht es blendend«, behaupten diese Bilder nach den Spielregeln der Werbegesellschaft, aber so gekonnt, dass wir misstrauisch werden sollten. Es ist, als nutze die Künstlerin die uns umgebenden Signale des unerschütterlichen Optimismus, um hinter dieser Fassade oder genauer: durch sie hindurch die existentiellen Fragen des Warum und Wozu zu stellen.

 

Friedrich Holtiegel
Auszug aus dem Katalogtext zur Ausstellung „Wunderbare kleine Welten“
Kunstverein Barsinghausen (Hannover)
2013

Über die Malerei von Silke Bartsch
 
Als leidenschaftliche Malerin bewegt sich Silke Bartsch im Spannungsfeld von Abstraktion und konkreter Darstellung. Dargestellt sind vornehmlich räumliche Situationen. Stimmige Perspektive und Maßstäblichkeit werden im künstlerischen Schaffensprozess gegen bildkompositorische und farbräumliche Erwägung balanciert.
Es kommen nie Menschen oder Lebewesen vor. Erkennbare Spuren, die diese vielleicht hinterlassen haben könnten, aber vor allem die Raumgestalt geben Bezüge zur alltäglichen Welt  - und somit dem Betrachter einen Einstieg.
Es sind spezifische Räume, die dabei für die Künstlerin Impuls gebend sind und waren. In der Entwicklung des Werks kann man erkennen, dass es sich in der Regel um größere Innenräume oder kleinere Außenräume handelt, wie etwa Zoogehege oder Spielanlagen. Es sind eher öffentliche, künstlich gestaltete, maßvolle und wohlbekannte Räume, eben nicht intime Kammern oder große Schauplätze. Fast im Gegensatz dazu ist die Farbigkeit sehr stark und nicht selten laut. Sie löst sich stellenweise vom Raum in die Bildfläche und entwickelt Eigenständigkeit. Ein intensives inneres Erleben tritt so in diese Räume und gleichzeitig erinnert es den Bildraum an seine flache Existenz auf der Leinwand.
Es war schon von Kindesbeinen an die Farbigkeit im Raumerleben von besonderem Reiz für die Künstlerin. So hat sie eine künstlerische Methodik entwickelt, ausgehend von Räumen, zu denen sie sich alltäglich ins Verhältnis setzt, serielle Bildkompositionen zu entwickeln, deren Farbigkeit sie in einem Akt zwischen Interpretation des Ausgangsmaterials und einer abstrakten Neuschöpfung entwickelt.

 

Sabine Banovic

Silke Bartsch zeigt uns Räume. Entstanden sind ihre Innen- und Außenräume häufig nach eigens angefertigten Fotografien. Hier leuchten sie uns groß und einladend entgegen. Tiergehege haben wir vor uns, und ganz genau wie im Zoo fangen wir unwillkürlich an zu suchen – wo ist denn nun der für uns munter turnende Primat? Wir stellen fest, dass wir das Entscheidende eben verpasst haben, wir wurden um den bunt versprochenen Auftritt betrogen. Irritiert wenden wir uns dem nächsten Gehege zu, wo uns genau dasselbe passiert. Unter der Überschrift "Rückzugsmöglichkeiten" sammelt Silke Bartsch diese verpassten Höhepunkte des Voyeurismus und gibt den unsichtbaren Bewohnern dieser Zellen einen Fluchtpunkt zurück.

 

Konstanze Ebel (Kunsthistorikerin Aachen)